So ging ich (wirklich ich?) die alte Hauptstrasse hinunter bis zum kleinen steilen Seitenweg in Richtung Wald, den Weg hoch, -- ich musste schnaufen, weil ich zu schnelle, lange Schritte machte -- über die neue Hauptstrasse, und in den Wald.
Zuerst merkte ich nur am Rande des Bewusstseins, dass der Wald diesmal einen ganz besonderen Klang hatte: es war kurz vor zehn, alle Kirchenglocken der Umgebung läuteten, und das Waldtal, durch das ich ging, sammelte diese Klänge und vermischte sie zu etwas Schwebendem, zu etwas, in dem ich die einzelnen Glockenschläge nicht mehr hören konnte, zu etwas ruhig pulsierendem: ich kam mir vor wie im Innern einer riesigen tibetischen Klangschale.
Und ich hörte gut zu, und ging langsamer den steilen Weg hoch, und mit jedem Schritt fielen Sorgen und Gedanken von mir ab, jeder Schritt wurde leichter, ich bekam richtig viel Luft in diesem Klang, und bei alledem war mein Baby ganz ruhig, den Kopf an meine Brust gedrückt, die Augen weit offen.
Gerade als ich oben ankam, verstummten die Kirchenglocken, der Klang erlosch: für einen kurzen Moment war absolut alles still.
...
Und dann zerriss ein feuchtes "Pfllrrrrrrrrr" aus meinem Tragtuch heraus die Stille -- das ist das neue Lieblingsgeräusch meines Babys -- und erweckte mich in eine so ganz andere Welt als jene, aus der heraus ich die Zeitung holen gegangen war.
Ich musste ziemlich laut lachen.
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kaum aus der Tür heraus sehe ich dass etwas anders ist als sonst ist die welt sonst nicht farbiger heute ist ja alles weiss ich reisse die augen auf
ich blicke aus der wärme heraus plötzlich kühl auf meiner backe eine weisse flocke an meinen augenwimpern sie fällt nicht ab wird kleiner wird wasser und der wind ist kalt
so viel zu sehen es bläst der wind er bläst mir fast die lungen auf ich bin ganz erstaunt und reisse die augen wieder auf und gleich wieder zu wegen des windes er ist so kalt
die wärme macht schläfrig und ich erwache und schon kommt unser haus näher schon wieder wir waren ja gar nicht lange weg und ich werde herausgehoben aufgehoben gehalten gestreichelt hingesetzt
und schaue durch mein gitter ganz gebannt durch das grosse fenster in den weissen garten wo flocken tanzen und tanzen und tanzen und tanzen und tanzen und tanzen und tanzen und
So etwa, stelle ich mir vor, dass ein Baby seinen ersten Schnee erlebt. Warum ich das zu wissen glaube? Weil auch ich, mit dem Baby im Tragtuch, warm an meiner Brust, sein Köpfchen draussen, heute zum zweiten Mal den ersten Schnee meines Lebens sah.
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Gestern Abend war ich an einem Vortrag über Mystik von Lorenz Marti, den ich gerade eben erst im freude.li Gleichmut erwähnte.
Er sagte sehr viele schöne, schlichte Dinge, welche für mich einfach stimmig waren. Ich gebe es gleich zu: ich höre natürlich gerne jemanden reden, der seine Spiritualität ähnlich lebt, wie ich es versuche. Das gibt so ein warmes, kuschliges Gefühl in der Seele.
Doch ein wirkliches freude.li machte Lorenz Marti mir mit der Bemerkung, dass man an jedem Tag, vielleicht sogar in jeder Situation, etwas finden könne, das Freude macht. Ja!!! Das Konzept von freude.li existiert in der freien Wildbahn!
Und es ist tatsächlich auch so, dass mir jeden Tag etwas einfällt, das ich hier schreiben könnte. Nur mit der Disziplin hapert's halt; wenn am Abend die Wahl besteht zwischen tippen und schlafen, dann macht mir ein warmes Bett halt oft die grössere Freude als eine kühle Computertastatur.
Also: wenn eine Leserin oder ein Leser auch mal was schreiben möchte: schickt es mir! Ich veröffentliche es gerne hier. Meine E-Mail-Adresse ist hanspi@schmid-werren.ch.
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Dienstag, 18.11.2008: Ich sass im Zug im Abteil mit einem jungen Mann, der die neuste Nummer des "National Geographic" auf Deutsch vor sich hatte. Mein Blick fiel drauf, weil mich die Schlagzeilen interessierten. Sofort sagte der Mann: "Ich bin fast fertig damit, wenn Sie wollen, können Sie es mitnehmen!" So nett! Das nahm ich gerne an.
Zu Hause erzählte ich das meiner Frau ... und die strahlte vor Freude. Denn sie war am selben Tag am Kiosk gewesen, wollte für mich als Geschenk das neue "Psychologie Heute" und sich selbst das "National Geographic" kaufen, sah aber, dass das ihr Taschengeld etwas strapazieren würde, und verzichtete auf ihr "National Geographic", um mir mein Geschenk zu machen.
Mittwoch, 19.11.2008: Heute lag auf meinem Bürotisch das Buch "Eats, Shoots and Leaves" von Lynne Truss: ein Geschenk von einem Arbeitskollegen. Ich hatte riesige Freude daran, denn mit diesem Buch hatte ich schon zu tun. Ich sah es mal bei meiner Kollegin in Schottland -- es handelt von der Zeichensetzung in der englischen Sprache -- und wollte es mir zu Hause kaufen. Zu Hause sah ich, dass es eine deutsche Version gab, welche zwar übersetzt war, aber zusätzlich noch die deutsche Zeichensetzung erklärte, und kaufte diese.
Seither vermisste ich bei jedem Lesen die wunderschöne bissige Sprache von Lynne Truss, dachte viele Male "ach hätt ich doch das englische Original gekauft", aber kaufte es nicht, weil es ja nicht wirklich nötig war. Und heute bekam ich es einfach so geschenkt!
Es stimmt manchal schon: um etwas zu bekommen, muss man es loslassen ...
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Nach einem Gespräch über Dinge, die nicht ganz so gut liefen (was eine typisch schweizerische Untertreibung ist), sagte meine Frau zu mir: "Oh Du Positivdenker! Selbst wenn jemand Scheisse nach Dir wirft, freut es Dich noch, dass Du Dünger geschenkt bekommen hast!"
Ja, und es freut mich sehr sowas zu hören. Die Kunst mit dem Dünger hab ich manchmal -- wie zum Beispiel heute -- ganz gut raus. Aber ich bin lieber ehrlich: manchmal stinkt er mir auch einfach.
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