Paris 4: In vino veritas 
Im Wein liegt die Wahrheit: auch deshalb liebe ich den letzten Abend nach einer wissenschaftlichen Konferenz. Nach dem offiziellen Abschlussfest ging ich ins Zimmer, mit meiner Frau chatten, und um elf noch mal runter in den Konferenzbereich. Eigentlich wollte ich noch einem guten Kollegen tschüss sagen, sah aber in einer Seitennische der Hotelräumlichkeiten ein eigenartiges Bild: dort sass ein Professor aus London mit seinem ganzen Doktorandenteam und circa zwei Flaschen Wein pro Person.

Die Organisatoren hatten gesagt, der Wein müsse weg, und das Londoner Team hat sich da nicht lange gesträubt. Der Professor -- zu dem Zeitpunkt hatte er schon ziemlich kleine Augen -- verliess die Party um halb zwölf, und kurz später ging auch die Freundin von einem der Doktoranden ins Zimmer. Der Doktorand wusste, dass er hätte mitgehen sollen, blieb aber bei uns bis zum Ende, obwohl er immer besorgter wirkte und hin und her ging wie ein eingesperrter Tiger.

Obwohl ich nicht gern viel trinke (und es auch nicht getan habe), liebe ich diese feuchtfröhlichen Feiern bis am Morgen um zwei, denn im Wein liegt wirklich die Wahrheit, und Leute sagen dann sehr interessante Dinge, die sie normalerweise so nicht sagen würden; und die Schlussabendfeier zieht sich auch immer sehr lange hin, weil es oft ein Abschied für mindestens ein Jahr ist, den man feiert.

Die Feier war schön und machte den Abschied leichter. Keiner wollte der Erste sein, der geht. Und ich habe nie herausgefunden, wie die Freundin des Doktoranden reagiert hat, als er um zwei Uhr ins Zimmer kam.

Ich verdanke dem Wein, den ein anderer trank, übrigens meine wohl bekannteste wissenschaftliche Veröffentlichung. Vor sehr langer Zeit sagte ein relativ berühmter Forscher nach relativ viel Wein zu mir, er denke, es gebe zwischen VM und CM gar keinen Unterschied (was VM und CM sind, ist hier gar nicht wichtig.) Er argumentierte gekonnt gegen alle meine Einwände. Am nächsten Morgen traf er mich zufällig und entschuldigte sich für den Vorabend, er sei betrunken gewesen, und ich solle den Mist wieder vergessen, den er erzählt hatte. Leider hatte er mich schon überzeugt, ich forschte zwei Jahre in diese Richtung, und machte daraus einen Konferenzvortrag und eine Publikation, die in der Fachwelt einschlugen wie eine Bombe.

Ich habe seinen Beitrag in meiner schriftlichen Arbeit verdankt, den Wein aber natürlich nicht erwähnt. Wissenschaftliche Genauigkeit in Ehren: aber alles muss das Publikum ja nicht unbedingt wissen, oder? Lassen wir den Lesern den Glauben an die präzise, logische, planende Wissenschaft ;-)


Weiter geht die Serie mit einem der drei folgenden Themen:
a) Was meinte ich mit "in Paris -- nicht in Paris"?
b) Was hat ein zypriotischer Türke mit Gollum aus "Herr der Ringe" zu tun?
c) Wo schlief Randall in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch?
d) Gibt es in Frankreich wirklich fritierte Füdli?

Der erste Kommentar, der a), b), c) oder d) erwähnt, entscheidet, wie's weiter geht.


[ 2 Kommentare ] ( 10 mal gelesen. )

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